Rezensionen

 Bücher von Interesse von unseren AutorInnen rezensiert

Peglau Reich

Andreas Peglau

Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus.

Mit einem Vorwort von Helmut Dahmer,

Gießen (Psychosozial-Verlag), 2013

 

Andreas Peglau, zur Zeit der Wende der wirkungsvollste Vermittler der Psychoanalyse und des Frommschen Denkens in den ostdeutschen Bundesländern, hat nicht nur die Zeitschrift Ich. Die Psychozeitung gegründet und acht Jahre lang herausgegeben; vor kurzem erschien von dem inzwischen in freier Praxis arbeitenden Psychoanalytiker die Druckfassung seiner Dissertation. Ein Blick in die über 600 Seiten umfassende Arbeit zeigt, dass er der Psychoanalyse auf eine verdienstvolle, weil kritische Weise treu geblieben ist.
Peglau interessierte sich schon immer für die politische Dimension und Sensibilität der Psychoanalyse. Darum galt sein Interesse nicht nur Erich Fromm, sondern auch Wilhelm Reich (1897-1957), der 1933 mit dem Buch Massenpsychologie des Faschismus die erste Abhandlung eines Psychoanalytikers über die „rechten" Massenbewegungen veröffentlichte. Bis heute ist diese Abhandlung der ausführlichste und – neben Fromms Analysen des deutschen Nationalsozialismus – einzige psychoanalytische Versuch geblieben, eine spezifische und umfassende Theorie der psychosozialen Basis des Faschismus zu formulieren.
Geschrieben hatte Reich seine Massenpsychologie zwischen 1930 und 1933 in seiner Berliner Zeit, über die es bislang nur wenige Informationen gab. Auf Grund seiner jahrelangen Recherchen konnte Peglau diese Lücke weitgehend schließen. Die Beschäftigung mit Reich führte ihn zwangsläufig dazu, auch die Situation der Psychoanalyse im NS-Staat zu erforschen. Hier stieß er auf Befunde, die zu einer neuen Sicht und Beurteilung dieser dunklen Seite der deutschen Psychoanalyse führen. Die Psychoanalyse als solche war nämlich keinesfalls einer solchen Verfolgung ausgesetzt, wie es meist angenommen wird.
Wenn Analytiker zu NS-Opfern wurden, dann nie, weil sie Analytiker waren, sondern wegen ihrer jüdischen Herkunft oder wegen ihrer widerständigen, vor allem „linken" Äußerungen oder Aktivitäten. Der einzige Psychoanalytiker, der wegen seines politischen Engagements aus Deutschland ausgewiesen und 1939 aus Österreich ausgebürgert wurde, war Wilhelm Reich. Weder Sigmund noch Anna Freud wurden ausgebürgert. Wesentliche Aspekte der Psychoanalyse, insbesondere des therapeutischen Wissens wurden dagegen von NS-Verantwortlichen toleriert und innerhalb des NS-Systems pragmatisch genutzt. Der Verzicht auf eine umfassende Verfolgung zeigte sich bereits bei der Bücherverbrennung 1933, wo neben Freuds Schriften nachgewiesener Maßen nur Bücher von Anna Freud, Siegfried Bernfeld und Wilhelm Reich verbrannt wurden. Bei dem im Mai 1933 eingeleiteten Publikationsverbot wurden nur zwei Schriften von Freud zur Indizierung vorgeschlagen. Wilhelm Reich allerdings ereilte ein Gesamtverbot; auch Fromms Die Entwicklung des Christusdogmas war betroffen. Ein Komplettverbot psychoanalytischer Literatur war jedoch nie geplant und erfolgte auch nie.
Dass es kein pauschales Verbot oder gar eine „Ausrottung" der Psychoanalyse gab, lag nicht zuletzt an der Anpassung der in Deutschland verbliebenen Analytiker und der ihnen dabei gewährten Unterstützung durch die Internationale Psychoanalytische Vereinigung (IPV). Ein prominentes „Opfer" der Anpassung war auch hier Wilhelm Reich, der nicht zuletzt wegen seiner gegen den Faschismus gerichteten Publikationen aus den psychoanalytischen Gesellschaften ausgeschlossen wurde.
Die Strategie aber, dass die Psychoanalyse sich jeder offiziellen Anwendung ihrer Erkenntnisse auf die Politik zu enthalten habe, wurde fortan zum Programm: Die zuvor oftmals gesellschaftskritische Freudsche Lehre verkümmerte zusehends zur bloßen Therapiemethode und verlor damit ihre gesellschaftliche Relevanz. Einer der wenigen Psychoanalytiker, die als „Dissidenten" die gesellschaftskritische Funktion der Psychoanalyse weiter pflegten, war Erich Fromm, dem man deshalb auch in den Fünfziger Jahren eine erneute Mitgliedschaft in der IPV verweigerte.
Sicher haben in unseren Jahren noch andere Entwicklungen dazu beigetragen, dass die deutsche Psychoanalyse – trotz eines Alexander Mitscherlich oder Horst-Eberhard Richter – ihre gesellschaftskritische Funktion nicht wiedergefunden hat. Das Verdienst der spannend zu lesenden Recherche Peglaus liegt darin, im Umgang mit Wilhelm Reich und der Anpassung der Psychoanalyse an die herrschenden Verhältnisse eine für die Psychoanalyse schicksalhafte historische Weichenstellung dokumentenreich aufgezeigt zu haben.

Andreas Peglau: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Mit einem Vorwort von Helmut Dahmer, Gießen (Psychosozial-Verlag), 2013, 635 Seiten; ISBN: 978-3837-920970, Euro 44,90. Das Buch enthält auch einen 50 Seiten umfassenden Dokumentenanhang.

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