Rezension von Rainer Funk
In einer Welt, in der zunehmend die Medien (und Social Media) bestimmen, was Wirklichkeit und von Bedeutung für den Menschen ist, hat jemand, der medial nicht mehr präsent sein kann, weil schon vor 46 Jahren gestorben, eigentlich keine Chance, noch wahrgenommen zu werden. Umso auffälliger ist es, dass Erich Fromm offensichtlich wiederentdeckt wird – und zugleich das Totschweigen von Fromms gesellschaftskritischem Denken, wie es gerade von Vertretern der Kritischen Theorie praktiziert wurde, zu Ende geht.
Deutlichstes Beispiel für diese Entwicklung ist das Buch „Zerstörungslust“, das 2025 bei Suhrkamp erschien. Der Nachfolger von Ueli Mäder auf dem Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Basel, Oliver Nachtwey, und die ab Wintersemester 2026/27 an der Universität Freiburg lehrende Soziologin und Literaturwissenschaftlerin Carolin Amlinger untersuchen in ihrem Buch die rechtspopulistischen und rechtsextremen politischen Entwicklungen gerade in den westeuropäischen Ländern und den USA; sie greifen dabei (ab S. 175) auf Fromms Konzept des Gruppennarzissmus (in dem Buch Die Seele des Menschen (1964) dargestellt) als auch auf seine Theorie nekrophiler Destruktivität zurück, von der Fromm vor allem in Anatomie der Menschen Destruktivität (1973) handelt.
Was ist es, was Menschen in Zeiten großer Verunsicherungen und Bedrohungen zu Mitteln der Gewalt und Zerstörung Zuflucht nehmen lässt? In psychologischer Perspektive geht es vor allem um ein von Zukunftsängsten, verunsichertem Selbsterleben und drohendem Identitätsverlust bestimmtes Ohnmachtserleben. Da ein solches psychisch kaum zu ertragen ist, wird es zunehmend mit destruktivem Machterleben aus dem Bewusstsein verbannt und vom Bewusstwerden abgehalten.
Genau hier greifen die von Fromm ansatzweise bereits in „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941) beschrieben „Fluchtwege“ aus einem bedrohten Selbsterleben. Die Flucht ins Autoritäre spielt dabei allerdings gerade in den auf Selbstbestimmung setzenden Gesellschaften nur eine untergeordnete Rolle. Gesellschaftlich dominant werden immer stärker narzisstische Gewalt (bei Verletzung der fantasierten Größenfantasien) und nekrophile Zerstörungslust (auch mit Hilfe des Setzens auf Künstliche Intelligenz), wie sie Erich Fromm erst in seinem Spätwerk beschrieben hat. Dies (wieder-)entdeckt zu haben, ist das große Verdienst von Amlinger und Nachtwey mit ihrem sehr lesenswerten Buch.
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