von Rainer Funk

Im Alter von 89 Jahren starb am 5. November 2022 in Washington DC Michael Maccoby, der langjährige Mitarbeiter Erich Fromms.

Wie kein anderer Schüler Fromms hatte er sich der Erforschung des Gesellschafts-Charakters verschrieben. Er führte in den USA und vielen anderen Ländern Untersuchungen durch und wandte Fromms sozialpsychologische Erkenntnisse vor allem auf Fragen von Führung an.
Nach seiner Promotion in Social Relations an der Harvard University im Jahr 1960 wurde er – auf Vermittlung von David Riesman – Fromms Mitarbeiter. Er war wesentlich an der Erforschung des
Gesellschafts-Charakters eines mexikanischen Dorfes beteiligt. Mit ihr lieferte Fromm einen empirischen Beleg für seine Sozialcharaktertheorie. Zusammen mit seiner Frau Sandylee lebte er von 1960 bis 1968 in Mexiko; er ließ sich von Fromm analysieren und machte eine Ausbildung zum Psychoanalytiker.
Mit seinen fundierten sozialwissenschaftlichen und psychoanalytischen Kenntnissen folgten nach seiner Rückkehr in die USA Forschungen zur Biophilie bzw. Nekrophilie von Managern; 1976 erschien das Buch The Gamesman, in dem Maccoby neue Gesichter der von Fromm beschriebenen Marketing-Orientierung vorstellte. Über viele Jahre leitete er das Projekt „Technology, Work, and Character“. Eine ausführliche Werkübersicht findet sich auf seiner Website: http://www.maccoby.com/MMaccoby/

Dass Erich Fromms Denken in den USA in Wirtschaft, Politik und Management lebendig blieb und neu befruchtet wurde, ist vor allem Michael Maccoby zu verdanken. Unvergessen ist das 1994 von ihm und Mauricio Cortina organisierte Internationale Symposium in Washington, an dem Fromm-Forscher aus vielen Ländern der Erde teilnahmen. Bei einer ähnlichen Veranstaltung, nämlich der 1. Internationalen Erich Fromm Forschungskonferenz im Jahr 2014, die von der International Psychoanalytic University in Berlin veranstaltet wur-de, hielt er den Eröffnungsvortrag.Maccoby Michael 2022 0618
Erstmals persönlich getroffen habe ich Michael Maccoby 1981 in Dubrovnik bei einer Konferenz, die die jugoslawischen Philosophen um die Zeitschrift „Praxis“ veranstaltet hatten. 1983 war ich dann bei ihm in Washington zu einem persönlichen Besuch. Eine insgesamt sehr fruchtbare Zusammenarbeit nahm ihren Lauf. So führte er 1987 eine Gruppe von jun-gen Wissenschaftlern der Fromm-Gesellschaft in Bielefeld in die Sozialcharakter-Forschung ein. In den Folgejahren begleitete er deren empirische Studie zur unterschiedlichen Charak-terentwicklung von westdeutschen und ostdeutschen GrundschullehrerInnen („Die Charak-termauer“-Studie) mit großem Interesse.

Ein letztes Wiedersehen gab es für mich per ZOOM am 18. Juni 2022, wo Freunde von Mi-chael Maccoby sein Lebenswerk in Festschriftbeiträgen würdigten. Unter den über 50 Teil-nehmenden waren auch drei seiner vier Kinder. Vor allem aber fanden sich viele seiner Schüler und KollegInnen ein, die sich in ihren eigenen Forschungen von seinen Erkenntnissen anstecken ließen und die sich aus diesen Erkenntnissen weiter schöpfen werden.

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